Hey Veganer, eure Handys sind nicht vegan!

Transkript

Wenn Veganer Leid oder Umweltschäden durch Tierprodukte ansprechen, verweist recht häufig jemand darauf, dass Veganer Handys nutzen wo dies auch der Fall ist. Und solange sie das tun, seien Veganer also auch nicht besser und hätten gar niemanden zu kritisieren. Damit soll auch gezeigt werden, dass Veganismus und die Motive sowie das Verhalten von Veganern inkonsequent, doppelmoralisch und willkürlich sind, dass Menschenleid oder auch Tierleid ihnen wohl tatsächlich doch egal sind, sobald Unbequemlichkeiten damit einhergehen – dass man den Veganismus also nicht ernst nehmen kann oder muss solange Veganer Smartphones oder andere Elektrogeräte benutzen.

Ja. Die Herstellung von Smartphones im Speziellen und von Elektronik ganz im Allgemeinen ist ethisch und ökologisch sehr problematisch. Man benötigt Rohstoffe, mit denen man im Kongo Warlords und deren bewaffnete Konflikte finanziert. Der Abbau der Rohstoffe und die Herstellung der Geräte geschehen nicht selten unter „unmenschlichen“ Bedingungen für die Arbeiter, von denen viele noch Kinder sind. Und meist werden dabei auch tierische Rohstoffe verarbeitet. Kritik daran ist also nicht nur legitim, sondern sogar sehr wichtig und notwendig. Und auch Gegenkritik ist nicht automatisch ein Fehlschluss oder unzulässig und kann berechtigt sein. Aber wenn diese Missstände nicht angesprochen werden, um sie zu beseitigen, sondern um unliebsame Kritik am eigenen Verhalten abzuwehren, dann instrumentalisiert man diese Missstände für die eigenen Vorteile und profitiert gewissermaßen zusätzlich von ihnen. Und das ist zudem ein Whataboutismus der als Argument auch noch daran scheitert, dass Menschen, die dieses Argument verwenden in aller Regel selbst ein Telefon besitzen, weshalb die Kritik auch auf diese selbst zutreffen muss. Und dann kommt aber die Verursachung von Tierleid noch oben drauf. Als Mischköstler mit Smartphone verursacht man daher im Schnitt immer noch mehr Leid und Schaden als vergleichbare Veganer mit Smartphone. Das ist also kein Unentschieden. Bei solchen “Du bist auch nicht perfekt”-Argumenten wird aber oft so getan, als sei es eines. Und da hat man es dann oftmals mit einem sogenannten Grau-Fehlschluss zu tun: Dem Gegenüber, hier den Veganern, wird ein naives Schwarz-Weiß-Denken unterstellt, und man schickt sich an, sie aufzuklären, dass sie oder der Veganismus auch nicht perfekt seien und dass es eben nicht nur schwarz und weiß gibt. Dieses vermeintliche Zwei-Kategorien-Weltbild wird dabei aber durch ein eigenes mit sogar nur einer Kategorie ersetzt, wo es nur ein einheitliches Grau gibt und alles gleich falsch oder gleich schlecht ist und in besser oder schlechter gar nicht unterschieden wird. Dabei treffen wir doch aber alle jeden Tag Entscheidungen aufgrund solcher Abwägungen und sind uns darüber im Klaren, dass es sehr wohl sehr unterschiedliche Graustufen gibt.
Und dabei werden implizit noch andere unzutreffende Gleichsetzungen vorgenommen. Veganismus wird häufig abschätzig als ein Luxusphänomen verurteilt. Tatsächlich ist das Gegenteil der Fall. Der Konsum von Tierprodukten ist nicht notwendig und es gibt sehr gute tier- und umweltfreundlichere Alternativen dazu. “Essen” ist ein Grundbedürfnis. “Fleisch essen” ist es nicht. Dass Menschen essen müssen, heißt nicht, dass sie Tiere essen müssen. Dass das Essen bitteschön aus Tier sein soll, ist für Menschen ohne Not lediglich ein Begehren, also im Grunde ein unnötiger Luxus für den fühlende Lebewesen geopfert werden. Hingegen ist der Zugang zu Telekommunikationsmedien oft wichtig und ziemlich alternativlos zur Sicherung mancher menschlichen Grundbedürfnisse und Lebensnotwendigkeiten. Tierische Nahrungsmittel, Kleidung und Kosmetika kann man durch vegane ersetzen. Aber mit Tofu kann man im Notfall keinen Notarzt rufen. Und angenommen, ein Veganer würde es ablehnen, für einen Schwerstverwundeten einen Krankenwagen zu rufen, weil Handys nicht vegan sind, kann man sicherlich davon ausgehen, dass viele der Menschen, die vorher eine solche absolute Konsequenz von Veganern gefordert haben, genau diese ihnen dann als menschenfeindlichen Fanatismus vorwerfen würden.

In praktisch keinem Beruf kommt man heute noch ohne irgendeine Form von Elektronik aus. Über das Essen von Tierprodukten kann das nicht behauptet werden. Und wenn man argumentiert dass Smartphones oder Elektrogeräte vermeidbar sind, sollte man das demonstrieren können. Denn von anderen Dinge zu verlangen, die man selbst nicht bereit oder fähig ist zu leisten, ist kein cleveres Vorführen deren Inkonsequenz sondern der eigenen.
Natürlich ist nicht alles was vegan lebende Menschen mit einem Smartphone tun unvermeidlich, lebenswichtig oder ein Notfall. Manches ist es aber durchaus. Und die eigene Existenz oder auch das Leben anderer zu schützen, ist ein Recht, dass jedem zustehen sollte, auch wenn dies womöglich an anderer Stelle Schaden verursacht. Selbstverständlich ist es wichtig, solche Schäden so gering wie möglich zu halten. Aber genau deshalb muss man auch differenzieren, statt so zu tun, als wären alle Dinge die nicht perfekt sind, gleichermaßen mittelgrau. Ja, manchmal verursacht man Leid. Aber dazu gezwungen zu sein, weil die eigene Existenz daran hängt und es keine praktikable Alternative gibt und es zu tun, weil man gerade Appetit auf Wurst hat, sind zwei sehr unterschiedliche Grautöne und sind im Hinblick auf ihre Dringlichkeit und auf mögliche Alternativen nicht gleich schwerwiegend.

Keine Tierprodukte zu essen ist offensichtlich sehr gut möglich. Und man bewirkt damit bereits sehr viel gutes. Hingegen ist es vollkommen unmöglich auf Elektronik zu verzichten, ohne sich zu einem kompletten sozialen Außenseiter zu machen und sich von sämtlichen Informationen, jeglicher gesellschaftlicher Teilhabe und Mitgestaltung und nahezu jeder Form von Kommunikation abzuschneiden. Und dementsprechend könnte man ohne Elektronik heute auch gar keine entscheidenden gesellschaftlichen Änderungen mehr bewirken.
Hinzu kommt, dass man damit kritische Stimmen ausschließen würde und die Gesellschaft quasi auch denen überließe, die sich keine ernsthaften Gedanken über ihr Verhalten machen, was sehr wahrscheinlich im Endeffekt viel schädlicher wäre.

Was ist nun aber mit den Tierprodukten im Handy?
Praktisch jedes Elektrogerät enthält heutzutage unter anderem auch eine gewisse Menge Kupfer. Bei der Raffination von Kupfer wird oftmals eine gewisse Menge Glutinleim eingesetzt -das ist im Wesentlichen ungereinigte Gelatine. Dieser ist im Endprodukt nicht enthalten, wird aber während der Produktion als Inhibitor verwendet, um glatte Oberflächen zu erzeugen und damit Verunreinigungen zu vermeiden. Das ist keinesfalls alternativlos. Aber Glutinleim wird aus tierischen Abfällen hergestellt. Und durch unseren hohen Konsum von Tierprodukten wissen wir quasi nicht wohin mit dem Zeug. Würden keine Schlachtabfälle mehr anfallen, stehen alternative Inhibitoren zur Verfügung. Diese werde auch schon verwendet. Das ist aber selten und in der Praxis niemals nachvollziehbar. Deshalb ist es sehr sinnvoll, da anzusetzen, wo man am meisten bewirkt und indirekt mittelfristig dann auch auf solche Dinge Einfluss nimmt, die aktuell direkt noch kaum zu vermeiden sind. Mit dem Ablehnen tierischer Nahrungungsmittel arbeitet man also auch darauf hin, dass auch Elektrogeräte keine Tierprodukte mehr enthalten.
Selbst der Vegan Society war schon zu Beginn klar, dass das völlige Vermeiden von Tierprodukten in einer Gesellschaft in der Tierausbeutung allgegenwärtig ist, praktisch unmöglich ist. Sie schrieben in ihrer Definition: “Veganismus ist eine Lebensweise, die versucht – soweit wie praktisch durchführbar – alle Formen der Ausbeutung und Grausamkeiten an leidensfähigen Tieren für Essen, Kleidung und andere Zwecke zu vermeiden; und in weiterer Folge die Entwicklung und Verwendung von tierfreien Alternativen zu Gunsten von Mensch, Tier und Umwelt fördert.”

Vegan bedeutet also vor allem auch den Versuch so viel wie möglich zu tun. Man muss sich jedoch bewusst sein, dass wir in einer unveganen und komplexen Welt schon bei den grundlegendsten Dingen auf Produkte und Dienstleistungen angewiesen sind, wo an vielen Stellen in der Lieferkette leider immer auch irgendwie Tierprodukte vorkommen, worauf man sehr wenig Einfluss hat. Angenommen, es werden nun alternative Inhibitoren eingesetzt: Wenn man das Handy kauft, trägt man trotzdem neben vielen anderen Dingen beispielsweise auch zum Lebensunterhalt der Menschen bei, die diese Geräte herstellen und finanziert diesen auch ihre Lebensmittel mit, die sicherlich oft nicht vegan sind. Ihre Arbeitskraft stammt also teilweise aus Tierprodukten. Man kann also immer noch sagen, dass für die Produktion Tierprodukte verwendet werden. Das trifft aber auf so ziemlich alles zu.
Nicht alles auf einmal ändern zu können und nicht perfekt sein zu können, ist aber kein Argument dagegen etwas besser zu machen.
Es ist nicht heuchlerisch oder unaufrichtig, schlechte Dinge zu kritisieren, auch wenn man selbst noch daran beteiligt ist, solange man sich in die Kritik mit einschließt und die Absicht hat diese Dinge zu ändern. Die gravierenden negativen ökologischen und sozialen Auswirkungen der Herstellung von Elektronik müssen völlig zu Recht thematisiert werden. Aber ganz grundsätzlich für die gesamte Gesellschaft und mit dem Ziel das zu ändern. Dies jedoch ausgerechnet bei der noch vergleichsweisen kleinen Gruppe der Veganer, die im Allgemeinen durch ihre Lebensweise schon sehr viel weniger Schaden anrichten als vergleichbare Nichtveganer immer wieder zum Thema zu machen, zeigt aber, dass das nicht die Absicht dahinter sein dürfte. Und man erwartet von Veganern dabei eine Perfektion, von der man selbst noch weiter entfernt ist. Wie gesagt, sollte man natürlich auch bestrebt sein, mit der Nutzung von Elektrogeräten so wenig Schaden wie möglich anzurichten. Man sollte sich für bessere Herstellungsbedingungen stark machen und die negativen Auswirkungen zumindest an anderen Stellen, wo es leichter ist, so weit wie möglich wieder auszugleichen – z.B. indem man vegan lebt, statt den verursachten Schaden als Vorwand zu nutzen, an anderer Stelle auch nichts zu verbessern.

Sicher wird der Umstand, dass bei der Herstellung von Smartphones auch Knochenleim verwendet wird, nicht jedem Veganer bekannt sein. Der Hinweis darauf ist aber eben nicht das ultimative Triumphargument gegen den Veganismus, für das manche Menschen es halten. Denn nicht zuletzt, muss man zumindest auch ungefähr betrachten, von welchen Mengen an Tierprodukten wir hier überhaupt sprechen. Für die Raffination einer Tonne Kupfer werden etwa 100g Knochenleim verwendet. Ein aktuelles Smartphone enthält etwa 16 Gramm Kupfer. Das entspricht 24mg verwendetem Glutinleim pro Gerät. Das wiederum entspricht etwa 1% der Masse eines Gelatine-Gummibärchens.

Ein Handy wird im Schnitt ungefähr 2,5 Jahre verwendet. Stellen wir dem spaßenshalber nur mal grob die tierischen Produkte gegenüber, die ein Durchschnittsdeutscher in dieser Zeit verzehrt. In 2,5 Jahren sind das insgesamt ungefähr 525kg Fleisch, Milchprodukte und Eier. Dem gegenüber steht der Veganer mit 24mg Glutinleim. Das ist nicht 1:1 unentschieden… Das ist 21,9 Millionen mal so viel.

Hey Veganer! Kreislauf des Lebens!